Heinz Hirthe und Gertrud Hirthe, geb. Hübner

Meine Eltern Heinz Hirthe (29.7.1925 - 19.7.2020) und Gertrud Hirthe, geb. Hübner (30.7.1922 - 11.6.2000), haben sich 1946 in Freiburg/Br. (Abb. links oben) kennengelernt und dort am 18. April 1953 geheiratet (Abb. oben). 

Ende November 1953 ließen sie sich in München nieder (Abb. links unten), wo mein Vater bereits seit 1952 bei Siemens & Halske arbeitete; dem Unternehmen Siemens AG sollte er bis zur Pensionierung angehören. Meine Eltern fanden eine kleine Wohnung im Stadtteil Neuhausen, wo ich am 6. April 1954 im Rotkreuzkrankenhaus (heute: Rotkreuzklinikum) zur Welt kam. Ende 1961 bezogen wir eine geräumige Wohnung in München-Laim, in der wir bis Ende 1970 lebten. 

Der Wunsch meiner Eltern nach Wohneigentum ließ sich 1970 in Feldafing am Starnberger See verwirklichen (Abb. rechts oben). In einem Neubau mit sechs Wohneinheiten und Hallenschwimmbad erwarben meine Eltern zwei Wohnungen – eine große für sich (und mich), eine kleine für die Eltern meines Vaters. Die Ortschaft liegt rund 45 Autominuten vom Münchener Stadtzentrum entfernt und wurde Ende Mai 1972 an das S-Bahnnetz angeschlossen: So waren für meinen Vater die Arbeitsstätte am Wittelsbacherplatz, für mich das Gymnasium und später die Universität mit vertretbarem Aufwand erreichbar. 

Nach der Pensionierung meines Vaters 1989 übersiedelten meine Eltern nach Überlingen am Bodensee (Abb. rechts unten), wo sie ein großzügiges, architektonisch interessantes Einfamilienhaus mit großem Garten erwarben. Hier lebten sie in beschaulicher Zufriedenheit bis zum Tod meiner Mutter im Jahr 2000. Mein Vater blieb als Witwer weiterhin in diesem für ihn allein viel zu großen Haus – für mich einer der Gründe, 2006 von Hannover nach Überlingen zu ziehen und hier zu arbeiten. 

Heinz Hirthe (1925-2020)

Die biografischen Erinnerungen sind in Vorbereitung.

Gertrud Hirthe, geb. Hübner (1922-2000)

Meine Mutter Gertrud Hirthe (*) wurde am 30. Juli 1922 als Tochter von Paul Hermann Hübner (12.3.1895 - 7.11.1981) und Katharina Hübner, geb. Müller (14.3.1886 - 24.8.1968) (Abb. 1) in der Erbpinzenstraße 17 zu Freiburg/Br. geboren. Ihre Zwillingsschwester Käthe verstarb bereits am Tag der Geburt. Sie hatte einen älteren Bruder, Paul jun. (20.4.1919 - 13.8.1991) (Abb. 2-3).

Nach der Volksschule besuchte Gertrud Hübner von 1933 bis 1938 in Freiburg/Br. die „Hindenburgschule“, ein Mädchenrealgymnasium mit Mädchenoberrealschule, und anschließend bis 1939 die Städtische Frauenarbeitsschule (Haushaltungsschule / Berufsfachschule).

1933 wurde sie Mitglied des „Bund deutscher Mädel“ (BDM) (Abb. 4) und 1936 der „Nationalsozialistischen Kulturgemeinde“. Der Eintritt in die beiden Organisationen scheint opportunistisch gewesen zu sein – die Mitgliedschaft hatte keinen Einfluss auf das zutiefst von Hingabe, Nächstenliebe und Menschlichkeit geprägte Wesen meiner Mutter. Auch in den Aufzeichnungen von Paul Hermann Hübner über die Kindheit und Jugend seiner Tochter gibt es keinen Hinweis auf ein besonderes Engagement in den beiden Organisationen. Bei seinem Sohn Paul vermerkt er hingegen: Seit 1933 Mitglied der Hitler-Jugend, nahm als Kameradschaftsführer 1935 am Nürnberger Reichsparteitag teil und offenbarte „für die NSDAP […] grenzenlose Hingabe und Begeisterung“.

Während der Schulzeit zeigten sich die musischen Begabungen meiner Mutter, vor allem ihr ausgezeichnetes künstlerisches Talent: Im Herbst 1934 nahm ihre Klasse VI B der „Hindenburgschule“ am Zeichenwettbewerb badischer Schülerinnen und Schüler zum Thema „Winterhilfswerk“ teil. Von allen Freiburger Schülerinnen und Schülern im Alter von 10 bis 16 Jahren war die Arbeit meiner Mutter die beste, weshalb sie vom Badischen Ministerium des Kultus und Unterrichts belobigt und in der Freiburger Zeitung vom 18.2.1935 namentlich genannt wurde [Download].

Mit zwei ihrer Klassenkameradinnen verband meine Mutter eine lebenslange Freundschaft: Hannelore Millioud, geb. Treupel (1923 - 2009) (Abb. 5), und Ursel Rösch, geb. ##### (*1923 - 20##) (Abb. 6).

1939 begann meine Mutter eine dreijährige Ausbildung zur Restauratorin und Konservatorin bei ihrem Vater im Atelier des Städtischen Augustinermuseums zu Freiburg/Br. als unbezahlte Volontärin. Den väterlichen Aufzeichnungen zufolge waren „ihre Begabung […] ausgezeichnet, ebenso ihre Fortschritte.“ Zusätzlich war sie im Wintersemester 1943 und Sommersemester 1944 als Gasthörerin an der Universität Freiburg eingeschrieben. Mit dem Beginn ihrer Ausbildung trat sie an die Stelle ihres Bruders, der von 1936 bis 1939 im Rahmen eines Ausbildungsvertrags den Restauratoren- und Konservatoren-Beruf erlernt hatte und im April 1939 als Soldat zum Kriegsdienst eingezogen worden war (Abb. 7). Nach Fronteinsätzen in Frankreich, Afrika und Italien und einer schweren Kriegsverletzung nahm er 1945 die Arbeit im Augustinermuseum wieder auf. Fortan arbeiteten die Geschwister gemeinsam als Assistenten des Vaters (Abb. 8).

Nach der dreijährigen Ausbildung war meine Mutter ab 1942 eigenständig in den Werkstätten des Augustinermuseums tätig und in den 1940er Jahren maßgeblich an den großen Restaurierungs- und Konservierungsprojekten meines Großvaters beteiligt. Hierzu zählen z. B. der Niederrotweiler Altar (Abb. 9-11) und der Hochaltar des Überlinger Münsters (Abb. 12). Kleinere Maßnahmen führte sie selbstständig aus, wie u. a. die Dokumentation zu einer Heiligenfigur belegt: „Hlg. Vitus […] Restauriert und konserviert Frühjahr 1942. Ausgeführt von Gertrud Hübner, Freiburg i. Br.“ (Abb. 13). Ihre Tätigkeit als vielversprechende Restauratorin und Konservatorin endete 1953, als sie meinen Vater heiratete.

In der zweiten Hälfte der 1930er Jahre begann meine Mutter an der „Badischen Reit- und Fahrschule Rosenstihl“ in Freiburg-Littenweiler zu reiten (Abb. 14). Sie machte innerhalb weniger Jahre mit ihrem Reitlehrer Sünkel (Abb. 15) so große Fortschritte, dass sie im August 1940 die Prüfung zum „Deutschen Reiter-Abzeichen Klasse III“ in den Disziplinen Dressur und Springreiten sowie in theoretischen und praktischen Kenntnissen mit der Gesamtnote 1 ablegte (Urkunde Nr. 47025). Voller Stolz ließen meine Großeltern

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eine Fotoserie mit ihrer Tochter auf deren Lieblingspferd, der Stute „Hella“, herstellen (Abb. 16-18).

Die Familie Hübner kam aufs Ganze gesehen ohne große Entbehrungen durch die kriegsbedingten Notjahre – auch weil meine Mutter (manchmal zusammen mit ihrer Mutter) bei den Verwandten in Heudorf im Hegau hamsterte.

Meine Eltern lernten sich 1946 in der Reitschule Rosenstihl kennen. Mein Vater hatte sein Jura-Studium an der Freiburger Universität begonnen und kam über einen ehemaligen Klassenkameraden, der Mittelpunkt einer Gruppe junger Reiter war, mit der Reitschule in Berührung. Die erste Begegnung mit seiner späteren Frau schildert mein Vater in seinen Erinnerungen so: „Als wir wieder einmal dort waren, hörte ich einen [der Reiter-Freunde] sagen: ‚Schaut dort, die Hübnerin.‘ Der Hinweis galt einer kleinen, schlanken, bildschönen Blondine, die im Reitdress quer über den Hof in Richtung Ställe ging. Von meinen Reiterfreunden erfuhr ich, dass diese ‚Hübnerin‘ eine blendende Reiterin sei, angeblich das Beste, was seinerzeit der Breisgau zu bieten hatte; von Beruf sei sie Restauratorin, was nichts mit Bier und Essen, sondern irgendwas mit Kunst zu tun habe; ihr Vater sei ein berühmter Mann und sie ein prima Kamerad ...“

Vom ersten „Augenblick“ bis zur Hochzeit meiner Eltern am 18. April 1953 (Abb. 19) sollten noch sieben Jahre vergehen, in denen meine Mutter am Freiburger Augustinermuseum arbeitete, mein Vater das Jura-Studium beendete und das Referendariat absolvierte. Mithilfe meiner Großmutter, die schützend und fördernd die Hand über die Liebe ihrer Tochter und ihres Zukünftigen hielt, konnte sie sich gegen ihren Vater durchsetzen: Er hatte „mehr mit seiner beruflich hoch begabten Tochter vor, als sie einem dahergelaufenen Juristen zur Frau zu geben, der noch nichts war und noch nichts hatte“, wie mein Vater es in seinen Erinnerungen ausdrückt. Bevor die Eltern meines Vaters nach Uruguay übersiedelten, machte er mit seiner Zukünftigen einen Antrittsbesuch bei ihnen und seinem Bruder Martin in Zürich (Abb. 20, 21). Die künftigen Schwiegereltern hatten keine Einwände gegen die Verbindung.

Das größte Hindernis für die Hochzeit bildete die katholische Kirche. Denn nach ihrer Rechtsauffassung durfte meine Mutter als Katholikin keinen „Heiden“ heiraten – mein Vater war nicht getauft. Und eine Verbindung ohne das Sakrament der Ehe war für die Familie Hübner undenkbar. Nach einem langwierigen, komplizierten Verfahren erteilte schließlich der allein dazu befugte Papst – damals Pius XII. – meiner Mutter die Erlaubnis zur kirchlichen Eheschließung.

Ende November 1953 begann das gemeinsame Leben von Heinz und Gertrud Hirthe. Meine Mutter übersiedelte nach München, wo mein Vater bereits seit 1952 als Angestellter von Siemens & Halske in der Abteilung für Vertrags- und Lizenzwesen arbeitete. Sie bezogen am 29.11.1953 die erste gemeinsame Wohnung in der Horemansstraße 24 im Münchener Stadtteil Neuhausen (Abb. 22).

Mit Beginn ihrer Ehe hörte meine Mutter auf, ihre musischen und reiterlichen Begabungen und ihre Fähigkeiten als Restauratorin und Konservatorin zu pflegen. Stattdessen widmete sie sich ausschließlich ihren Pflichten als Haus- und Ehefrau – seit meiner Geburt am 6. April 1954 dann auch als liebevolle Mutter.

Wie sie es von ihrer Mutter gelernt hatte, bestimmten Pflichtgefühl, Sachverstand, Sparsamkeit und Umsicht von Anfang an die Haushaltsführung meiner Mutter. Dies blieb auch so, als die berufliche Karriere meines Vaters bei Siemens Fahrt aufnahm und die finanziellen Spielräume im Lauf der Jahre deutlich größer wurden.

Ohne die Bereitschaft meiner Mutter, bescheiden und klaglos ihre Bedürfnisse hinter die Bedürfnisse anderer zu stellen, wäre die Laufbahn meines Vaters nicht möglich gewesen. In seinen Erinnerungen erkennt mein Vater, wie viel er seiner Frau aufgebürdet hat durch die „exzessive Erfüllung meiner beruflichen Pflichten“ und schreibt, „dass ich ihr im Grunde nahezu alles zu verdanken habe. […] Mit nie endendem Fleiß hat sie sich aller Dinge unserer kleinen Familie angenommen“ – auch der Kindererziehung, die „praktisch allein in ihren Händen lag.“ Dass diese Rolle für meine Mutter nicht einfach war, ist mehr als nachvollziehbar.

Die ersten Jahre waren finanziell alles andere als rosig. Viel Geld für die Einrichtung der ersten Münchener Wohnung gab es nicht – so war die Mitgift meiner Mutter, zu der auch Möbel für ein Wohn-Esszimmer gehörten, sehr wichtig. In der rund 70 qm großen Dreizimmerwohnung, die sich in einem nach dem Krieg vereinfacht wiederaufgebauten Mietshaus befand, verbrachte ich die ersten sieben Lebensjahre (Abb. 23, 24). Gut kann ich mich an eine Besonderheit erinnern – den Küchenboden, der ein ziemliches Gefälle in Richtung Fenstertür hatte: Ich liebte es, hier zwischen den Füßen meiner kochenden oder backenden oder abspülenden oder waschenden Mutter zu „schussern“, d. h. mit Glasmurmeln zu spielen. Sie hatte dann immer Sorge, auf einem Schusser auszurutschen, was aber gottlob nie passiert ist.

Ende 1961 zog die Familie nach München-Laim um. Die Vierzimmer-Neubauwohnung in der Gotthardstraße 81 lag im 4. Obergeschoss, war 110 qm groß und hatte eine Loggia mit Panoramablick bis zu den Alpen (Abb. 25). Ihr Zuschnitt war bestens für kleine Gesellschaften nicht nur mit der Familie geeignet (Abb. 26), sondern auch mit Gästen aus dem beruflichen Umfeld meines Vaters – eine Form der Gastfreundschaft, die mein Vater bei seinen Eltern in Zürich kennengelernt hatte. Doch solche Gesellschaften fanden kaum statt. Zum einen, weil mein Vater Berufliches und Privates streng trennen wollte, zum anderen, weil meine Mutter bei solchen Anlässen die Rolle als Gastgeberin nicht mochte: Sie glaubte, zu wenig weltläufig zu sein, und ihr war Small Talk zuwider. Aus diesen Gründen begleitete sie meinen Vater auch nur sehr selten zu gesellschaftlichen Anlässen. 

In der „Gotthardstraßenzeit“ traf meine Mutter eine einschneidende persönliche Entscheidung: Als katholisch erzogener, religiöser Mensch gehörte für sie der sonntägliche Gottesdienstbesuch mit der Familie zum festen Bestandteil des Lebens. Nachdem Papst Paul VI. 1968 in der Enzyklika „Humanae vitae“ das Verbot künstlicher Verhütungsmittel für alle Katholiken verfügt hatte, brach meine Mutter mit der Kirche. Denn für sie war dieses Verbot angesichts der zahllosen verhungernden Kinder und verzweifelten Mütter zutiefst unchristlich. Bis zu ihrem Tod hielt sie jedoch regelmäßig persönliche Zwiesprache mit Gott.

In den folgenden Jahren verbesserte sich die finanzielle Situation so weit, dass meine Eltern 1970 Wohnungseigentum erwerben wollten. In München war das wegen der im Vorfeld der Olympischen Spiele 1972 rapide steigenden Preise nicht möglich. Schließlich fiel die Wahl auf das am Starnberger See gelegene, an das Münchener S-Bahnnetz angeschlossene Feldafing. Hier war in der Koempelstraße eine kleine Eigentumswohnanlage mit sechs Einheiten im Entstehen, die preislich im Rahmen des Möglichen lagen (Abb. 27). Meine Eltern erwarben zwei Wohnungen – eine große für sich und mich (Abb. 28), eine kleine für die Eltern meines Vaters, um ihnen die Perspektive auf einen Lebensabend im Altenheim zu ersparen (Abb. 29).

Diese Entscheidung sollte sich für meine Mutter als Segen und Fluch herausstellen: Segen, weil das Haus umgeben war von viel Natur, weil die knapp 145 qm große Fünfzimmerwohnung größtenteils mit pflegeleichten Fliesenböden ausgestattet war und weil zur Wohnung eine große Terrasse und ein kleiner Garten (Abb. 30, 31) sowie ein Hobbyraum gehörten. Fluch, weil das Haus schwere Baumängel hatte, die beim Wohnungskauf nicht erkennbar waren, und weil sich die Eigentümergemeinschaft keinen professionellen Hausmeister leisten wollte. Zur Behebung der Baumängel war es unter anderem erforderlich, alle Fliesenböden im Haus herauszureißen, die vom Bauherrn „vergessene“ Trittschallisolierung nachzurüsten und die Böden wieder herzustellen – allein bei uns war rund die Hälfte der Wohnfläche von dieser Baumaßnahme betroffen. Da die Arbeiten im Spätherbst ausgeführt wurden, haben wir ein unvergessliches Weihnachtsfest auf schwimmendem Estrich gefeiert. Unterstützt von Fachhandwerkern betreute meine Mutter als „Hausmeisterin“ jahrelang unentgeltlich das Schwimmbad, die Heizung, die Vorgärten, die Müllentsorgung usw.

Weil in Freiburg/Br. nach dem Tod ihrer Mutter im Jahr 1968 und der schweren Erkrankung ihrer Schwägerin Ursula Hübner, geb. Müller-Ruby (1921 - 2005), die Lebensumstände für ihren Vater schwierig geworden waren, erklärte sich meine Mutter bereit, ihn jedes Jahr für rund sechs Monate bei sich aufzunehmen. So lebte mein Großvater in den Jahren 1971 bis 1978 von Frühjahr bis Herbst in Feldafing. Mein Vater und ich wussten, dass die Fürsorge für ihren damals bereits deutlich ritualisierte Verhaltensweisen zeigenden Vater vor allem töchterlicher Pflichterfüllung zu verdanken war.

Nach dem Tod von Georg Hirthe im Jahr 1977 setzte die Altersdemenz seiner Frau ein. Trotz des merklichen Fortschreitens der Krankheit lebte meine Großmutter noch mehrere Jahre in ihrer angestammten Wohnung. Dies war nur möglich, weil meine Mutter ständig ein Auge auf ihre Schwiegermutter hatte und sie im Alltag unterstützte. Erst als die Krankheitssymptome gefährlich wurden und der körperliche Verfall einsetzte, weigerte sich meine Mutter sie weiterhin zu betreuen. Glücklicherweise konnte mein Vater rasch ein gutes und nicht allzu weit von Feldafing gelegenes Pflegeheim in Seefeld am Pilsensee finden.

Trost fand meine Mutter vor allem in der stillen Zwiesprache mit Gott, Entspannung und Ablenkung von den vielen Aufgaben und Pflichten bei der Gartenpflege (Abb. 32) und der Handarbeit, der sie sich vor allem nachts widmete. So entstand im Lauf der Jahre unter anderem eine Reihe von Deckchen aus fein gehäkelter Spitze (Abb. 33). Diese Freizeitbeschäftigungen behielt sie auch in den folgenden Überlinger Jahren bei, so lange sie es körperlich konnte.

Die Übersiedlung von Feldafing am Starnberger See nach Überlingen am Bodensee erfolgte nach der Pensionierung meines Vaters im Herbst 1989. Der Umzug ermöglichte meinem Vater die räumliche Distanzierung von seiner beruflichen Wirkungsstätte, meiner Mutter das Leben in einer deutlich wärmeren Gegend – sie hatte den Schnee im knapp 700 m hoch gelegenen Feldafing satt (Abb. 34) – und in der Nähe der Familie ihrer Mutter in Heudorf im Hegau. Und beide lebten fortan in der Stadt, in deren Münster der Hochaltar stand, der bei ihrem Kennenlernen 1946 in Freiburg/Br. eine große Rolle gespielt hatte (Abb. 35). Mein Vater in seinen Erinnerungen: „Als ich das erste Mal die Arbeitsräume des Restaurators Hübner im ehemaligen Adelhauser Kloster besuchen durfte, war ich […] von der Fülle des Überlinger Schnitzwerkes beeindruckt, das den großen Refektoriums-Raum voll ausfüllte … [Ich konnte] mich, ohne zu stören, in eine Ecke setzen […], um der Tochter Hübner bei ihrer Arbeit zuzusehen.“

Das Anwesen Mozartstraße 15 war auch für meine Mutter ein Glücksfall (Abb. 36). Das von einem großen, teilweise naturnah belassenen Garten mit Wiese und alten Bäumen (Abb. 37, 38) umgebene, architektonisch anspruchsvolle Gebäude war in gutem Zustand, die Haustechnik funktionierte, und mit Hilfe einer fähigen Zugehfrau waren die knapp 300 qm Wohnfläche auf drei Stockwerken ohne Probleme zu pflegen. Vor allem vom obersten Geschoss aus, in dem das Zimmer meiner Mutter mit Ankleide, eigenem Bad und Balkon lag, öffnete sich der Blick auf den See bis zu den Alpen (Abb. 39). Der vordere Gartenteil bot meiner Mutter die Möglichkeit, ihre Liebe zu Rosen zu pflegen (Abb. 40).

Zum Wohlbefinden trugen wesentlich auch die sympathischen Nachbarn bei, mit denen meine Eltern ein „gutnachbarliches“ Zusammenleben pflegten. Und das Haus bot umstandslos Platz für Übernachtungsbesuch; im Lauf der Jahre nahm eine ganze Reihe von Verwandten und engen Freundinnen und Freunden die Gastfreundschaft in Anspruch.

Den wöchentlichen Höhepunkt des beschaulichen Lebens meiner Eltern bildete das sonntägliche Mittagessen in einem hoch über Überlingen gelegenen Hotel. Meine Mutter vor allem genoss hier das feine Essen und die prachtvolle Aussicht auf See und Berge.

Das letzte Lebensjahr meiner Mutter war bestimmt durch schwere Erkrankungen, die eine Reihe längerer Krankenhausaufenthalte nötig machten. Um sie möglichst oft zuhause versorgen und pflegen zu können, widmete mein Vater, unterstützt durch die Sozialstation Überlingen e.V., das im Erdgeschoss des Hauses gelegene „Gartenzimmer“ (Abb. 41) in ein Krankenzimmer um. Hier konnte meine Mutter vom Pflegebett aus auf ihre Rosen schauen. Den Erinnerungen meines Vaters zufolge wurde ihre Zwiesprache mit Gott in den letzten Lebenswochen immer bitterer. Denn alle Bitten um nur ein klein wenig bessere Gesundheit blieben unerhört. Der Wunsch meiner Mutter, ohne Letzte Ölung sterben zu wollen, zeigt, wie sehr sie am Ende ihres Lebens mit Gott haderte und wie radikal ihr Bruch mit der Katholischen Kirche war. 

Gertrud Hirthe schloss am 11. Juni 2000 im Alter von 78 Jahren für immer die Augen.

(*) Die Biografie basiert neben eigenen Erinnerungen auf amtlichen und kirchlichen Dokumenten sowie hand- und maschineschriftlichen Aufzeichnungen von Paul Hermann Hübner und Heinz Hirthe (alle: Familienarchiv Thomas Hirthe, Überlingen).

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