Heinz Hirthe und Gertrud Hirthe, geb. Hübner

Meine Eltern Heinz Hirthe (29.7.1925 - 19.7.2020) und Gertrud Hirthe, geb. Hübner (30.7.1922 - 11.6.2000), haben sich 1946 in Freiburg/Br. (Abb. links oben) kennengelernt und dort am 18. April 1953 geheiratet (Abb. oben). 

Ende November 1953 ließen sie sich in München nieder (Abb. links unten), wo mein Vater bereits seit 1952 bei Siemens & Halske arbeitete; dem Unternehmen Siemens AG sollte er bis zur Pensionierung angehören. Meine Eltern fanden eine kleine Wohnung im Stadtteil Neuhausen, wo ich am 6. April 1954 im Rotkreuzkrankenhaus (heute: Rotkreuzklinikum) zur Welt kam. Ende 1961 bezogen wir eine geräumige Wohnung in München-Laim, in der wir bis Ende 1970 lebten. 

Der Wunsch meiner Eltern nach Wohneigentum ließ sich 1970 in Feldafing am Starnberger See verwirklichen (Abb. rechts oben). In einem Neubau mit sechs Wohneinheiten und Hallenschwimmbad erwarben meine Eltern zwei Wohnungen – eine große für sich (und mich), eine kleine für die Eltern meines Vaters. Die Ortschaft liegt rund 45 Autominuten vom Münchener Stadtzentrum entfernt und wurde Ende Mai 1972 an das S-Bahnnetz angeschlossen: So waren für meinen Vater die Arbeitsstätte am Wittelsbacherplatz, für mich das Gymnasium und später die Universität mit vertretbarem Aufwand erreichbar. 

Nach der Pensionierung meines Vaters 1989 übersiedelten meine Eltern nach Überlingen am Bodensee (Abb. rechts unten), wo sie ein großzügiges, architektonisch interessantes Einfamilienhaus mit großem Garten erwarben. Hier lebten sie in beschaulicher Zufriedenheit bis zum Tod meiner Mutter im Jahr 2000. Mein Vater blieb als Witwer weiterhin in diesem für ihn allein viel zu großen Haus – für mich einer der Gründe, 2006 von Hannover nach Überlingen zu ziehen und hier zu arbeiten. 

Heinz Hirthe (1925-2020)

Mein Vater Heinz Hirthe (*) kam am 29. Juli 1925 als Sohn von Georg Hirthe (6.12.1890 - 15.7.1977) und Ida, genannt Inge Hirthe (3.11.1895 - 2.1.1988), in Zürich zur Welt (Abb. 1). Sein Vater leitete dort die Fabrikation der Siemens-Tochter „Telefonfabrik Albisrieden“. Ungeachtet seiner Geburt in Zürich war mein Vater deutscher Staatsbürger, weil seine Eltern als Deutsche in der Schweiz lebten. Selbst Mitglieder der evangelisch-lutherischen Kirche, ließen meine Großeltern weder meinen Vater noch seinen älteren Bruder Martin (13.2.1921 - 9.8.1981) taufen (Abb. 2). Sie wollten ihnen die Möglichkeit geben, als denkende Menschen selbst über ihren Glauben entscheiden zu können. Mein Vater blieb zeitlebens ein „Suchender“, wie er es nannte. 

Seine Eltern legten die Basis zu einem festen moralischen Kompass, der ihn zu einem bescheidenen, demütigen und friedliebenden Menschen machte und ihn stets an die Seite der Schwächeren stellte. Unter anderem kam die Philanthropie meines Vaters sowohl in großzügigen Spenden an wohltätige Einrichtungen als auch in einer vielgestaltigen Unterstützung ihm nahe stehender Menschen zum Ausdruck, z. B. seiner Nichte Natascha Hirthe (Abb. 3).

Eine Episode ist für das Engagement meines Vaters charakteristisch: Während des Osterurlaubs 1977 erkrankte sein Vater im pfälzischen Kindsbach so schwer, dass er ins Kreiskrankenhaus Landstuhl eingeliefert werden musste. Hier verschlechterte sich sein Zustand so sehr, dass die Familie mit dem Tod rechnen musste. Noch immer willensstark und selbstbestimmt, gab mein Großvater aber zu verstehen, dass er nicht in Landstuhl, sondern am Starnberger See mit Blick auf die Alpen sterben wolle. So finanzierte mein Vater die Verlegung seines Vaters als Liegendtransport im Krankenwagen in das rund 450 km entfernte Tutzing, einen Nachbarort von Feldafing am Starnberger See, wo die Familien Georg und Heinz Hirthe seit 1970 lebten. Mit Blick auf die Alpen verstarb der 87-jährige wenige Tage später am 15. Juli 1977 friedlich im Tutzinger Krankenhaus.

Von seinem Vater „erbte“ mein Vater die handwerkliche Begabung, die sich bei ihm jedoch nicht im Umgang mit Metall, sondern mit Holz äußerte. Als (junger) Erwachsener schnitzte er z. B. „Ottokar“ – eine große Marionette, die rauchen konnte (Abb. 4) – und eine Maske mit dem Rollenporträt seines Bruders als „Mephistopheles“ (Abb. 5). Später baute er für mein Kinderzimmer in der Münchener Gotthardstraße 81 eine „Sitzlandschaft“ mit integrierter Modelleisenbahn (Abb. 6).

Als mein Vater 1925 in Zürich geboren wurde, bewohnte die Familie eine kleine Dachgeschosswohnung im Verwaltungshaus der „Telefonfabrik“ (Abb. 7, Nr. 1). Das Flachdach der Maschinenhalle diente meinem Vater als „Übungsgelände“ für seine ersten Gehversuche (Abb. 8). Ende 1926 oder Anfang 1927 bezog die nun vierköpfige Familie eine Doppelhaushälfte in der Genossenschaftssiedlung an der Albisriederstrasse 231 (Abb. 7, Nr. 2). Besonders an das zum Haus gehörige Gärtchen hat mein Vater viele Erinnerungen: Denn auf der kleinen Wiese hinten im Garten veranstalteten die Brüder Martin und Heinz für die Nachbarschaft von Zeit zu Zeit Zirkusveranstaltungen (Abb. 9). Eine der Hauptattraktionen war der Hechtsprung meines Vaters durch einen alten Autoreifen, der mit Holzspitzen bestückt war.

Nach dem Umzug in die größere und komfortablere Wohnung an der Altstetterstrasse 235 (Abb. 10) im Jahr 1935 gab es im dortigen Garten weitere Zirkusveranstaltungen. Martin erweiterte den „Spielplan“ der beiden Brüder um Kasperletheater-Aufführungen. Mein Vater übernahm kleinere Rollen und machte sich rund ums Theater nützlich. 

1940 erwarben meine Großeltern schließlich ein eigenes Haus – eine steil am Berghang stehende, schweizerisch zurückhaltende, repräsentative Doppelhaushälfte an der Rebbergstrasse 63 mit prächtiger Aussicht auf Zürich, den See und die Alpen (Abb. 11).

Fester Bestandteil des Familienlebens in den 1930er- und frühen 1940er Jahren waren Spaziergänge und Wanderungen in der Umgebung von Zürich und Ausflüge zu den Naturschönheiten der Schweiz (Abb. 12). So gehörte es z. B. zur Tradition, dass meine Großeltern mit ihren Söhnen an Christi Himmelfahrt zu Fuß auf den Uetliberg stiegen, den knapp 900 m hohen Züricher Hausberg. Kurz unterhalb des Gipfels gab es eine Bank, von der aus meine Großeltern den Sonnenaufgang über den Bergen betrachteten, während ihre Söhne kletterten. Oben auf dem Berg waren große Nagelfluhfelsen mit Kletterrouten unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade (Abb. 13). Auch die Urlaubsziele jener Zeit lagen in der Schweiz, z. B. im Tessin (Abb. 14).

Als Kind hatte mein Vater eine sehr enge Beziehung zu seinen Großmüttern Luise Hirthe (Abb. 15) und Emma Spiegel, genannt „Omi Spiegel“ (Abb. 16). Sie kamen jahrelang abwechselnd nach Zürich zu Besuch. Besonders schön war es für meinen Vater – so erzählt er am 21.1.2014 in einem Brief an eine Großnichte –, wenn „Omi Spiegel“ zu Weihnachten kam. Dann beschlagnahmte sie in den Tagen vor Heiligabend die Küche, machte Nudeln für die traditionelle Nudelsuppe und buk Plätzchen und Kuchen: „Dabei durfte ich ihr helfen. Wenn es gerade für mich nichts zu tun gab, durfte ich mich mit dem produzieren, was ich in der Schule gelernt hatte. So habe ich ihr tüchtig aus dem Gesangbuch vorgelesen. Allerdings [...] habe ich alle unter einer Notenzeile stehenden Abschnitte der Strophen hintereinander gelesen, bevor ich zur nächsten Notenzeile überging. Omi Spiegel hat versucht, mir die richtige Lesweise von Liedtexten beizubringen. Dies habe ich jedoch mit aller Entschiedenheit abgelehnt. Schließlich war sie meine Omi und nicht meine Lehrerin …“ 

Mein Vater ging in Zürich und in Davos zur Schule. Nach der sechsjährigen „Primarschule Albisrieden“ (1932-1938) besuchte er von 1938 bis zum Ende der ersten Schulhalbjahres 1942 das „Zürcher Privatgymnasium Athenaeum“. Von Oktober 1942 bis zu seinem mit der Gesamtnote „gut bestanden[en]“ Abitur am 6. Mai 1944 war mein Vater Realgymnasiast am „Alpinen Pädagogium Fridericianum“ in Davos (Abb. 17) – einer Schule für lungenkranke Kinder und Jugendliche, die den Status einer deutschen Auslandsschule hatte und die Zweige Oberrealschule, Realgymnasium und Gymnasium umfasste. Die Umschulung erfolgte, weil bei meinem Vater im Sommer 1942 eine leichte Form von Tuberkulose diagnostiziert worden war. Seinen Erinnerungen zufolge hatte er am „Fridericianum“ – besonders nachdem die Erkrankung auskuriert war und er Ski laufen durfte – „eine herrliche Zeit“. Aus welchen Gründen auch immer gibt es von ihm weder mündliche noch schriftliche Überlieferungen hinsichtlich der seit den 1930er Jahren zunehmenden nationalsozialistischen Einflussnahme auf das „Fridericianum“, das 1942 für 1,5 Millionen Franken durch das Deutsche Reich erworben wurde mit dem Ziel, „in der Schweiz eine erste Stelle für nationalsozialistische Erziehung und Bildung zu schaffen.“ [Martin J. Bucher: Führer, wir stehen zu dir! Die Reichsdeutsche Jugend in der Schweiz, 1931-1945 (Zürich 2021), S. 291-295, Zitat S. 292]

Nach dem Abitur wurde mein Vater zum Kriegsdienst bei der V. Panzer-Ersatzabteilung im brandenburgischen Neuruppin einberufen. Bei der Musterung stufte ihn der Militärarzt wegen der Tbc-Erkrankung bis zum 10. Mai 1945 als „nicht kriegsverwendungsfähig“ ein – der Zweite Weltkrieg in Europa endete am 8. Mai 1945, also zwei Tage, bevor mein Vater hätte in den Krieg ziehen müssen! Er wurde jedoch „kriegsdienstverpflichtet“. Durch Vermittlung seines Vaters konnte er diesen Dienst in Berlin leisten und bei seiner Tante Käthe Schönbeck in Potsdam wohnen. Dienstort war die Bauabteilung der Firma Siemens, die u. a. das kriegswichtige „Wernerwerk VII“ (eigentlich: Siemens Apparate und Maschinen GmbH, eine Tochter von Siemens & Halske) in Berlin-Mariendorf betreute. Geplant war, Teile dieser Fabrik durch einen Bunker mit freitragender Decke zu schützen, die 250 kg-Bomben standhalten sollte. Als die Seitenwände des Bunkers ein paar Meter über dem Erdboden waren, begannen die Alliierten 500 kg-Bomben abzuwerfen – es wurde jedoch unverdrossen weitergebaut. 

Seine geliebte „Omi Spiegel“ sah mein Vater im Februar 1945 zum letzten Mal. Zusammen mit Max Spiegel, dem ältesten Bruder seiner Mutter, und dessen Frau (Abb. 18) machte er einen Tagesausflug in die Niederlausitz nach Neupetershain, wo Emma Spiegel im St.-Barbara-Stift lebte (Abb. 19). Das Lebewohl blieb meinem Vater in besonderer Erinnerung: „[...] beim Abschied drückte sie mir heimlich etwas in die Hand, was sich als ein größerer Geldbetrag in Reichsmark herausstellte. Dabei flüsterte sie mir zu: ‚Für den Lehrherrn‘. Erst später ist mir klar geworden, was sie gemeint hat. Während unseres Zusammenseins habe ich ihr natürlich erklären müssen, was ich in Berlin mache, nämlich in der Bauabteilung der Firma Siemens in der Praxis das zu lernen, was ich später für das beabsichtigte Architektur-Studium benötigte. Als Witwe eines Handwerksmeisters [...] konnte sie sich nichts anderes vorstellen, als dass ein Lernender dem Lehrherrn ein Lehrgeld zu bezahlen hatte […]. Mit dem zugesteckten Geld wollte sie mir helfen.“

Von seinen Erlebnissen in den Jahren 1944 und 1945 erzählte mein Vater sehr selten. In dem am 28.3.2014 an eine Großnichte geschrieben Brief schreibt er folgendes: „Ich habe im Kriegswinter 1944/45 in Berlin viel Schlimmes erlebt. Bezeichnend: Während eines Luftangriffs kam ich in einem Schutzbunker neben einen Hauptmann zu sitzen. In unserem Gespräch fiel von seiner Seite der Satz: ‚Gott sei Dank kann ich morgen wieder nach Russland an die Front. Das hier ist ja nicht auszuhalten.‘ Zum Ostersonntag [d. h. 1.4.1945] erhielt ich eine Einladung von einem hohen Siemens-Mann [Dr. Hans Kerschbaum, Vorstandsmitglied der Siemens & Halske. Das Treffen fand auf dem Heinenhof in Nedlitz bei Potsdam, dem Elternhaus von Ernst von Siemens, statt (Abb. 20)]. Er sagte mir, die Russen stünden kurz vor Berlin. Es sei deshalb Zeit, dass ich aus Berlin fortkomme. Er habe dies meinem Vater versprochen. Berlin war schon seit einiger Zeit zur Festung erklärt. Man konnte Berlin deshalb nur mit ganz besonderen Papieren verlassen. Am anderen Tag hatte ich diese Papiere mit dem Auftrag, als kriegswichtiger Kurier ein kleines schweres Paket nach Bregenz nahe der schweizerischen Grenze zu bringen.“ Die Kurierreise nach Bregenz zählt zu den prägenden Erlebnissen meines Vaters: Zwar konnte er Berlin auf einem LKW verlassen, doch musste er lange Strecken des rund 750 Kilometer weiten Wegs durch das „brennende Deutschland“ zu Fuß gehen. Er überquerte die Elbe kurz vor der Sprengung der bereits stark beschädigten Brücke bei Vockerode und begegnete auf dem Weg einem Todesmarsch von KZ-Häftlingen, von denen sich die meisten barfuß mit blutenden Füßen und dem Hungertod nahe dahinschleppten. Nach etwa zehn Tagen erreichte er erschöpft und ausgehungert sein Ziel und übergab das Paket der Siemens-Niederlassung in Bregenz. Was das Paket enthielt, erfuhr mein Vater nie.

Nachdem der Auftrag erledigt war, wollte mein Vater natürlich weiter in die Schweiz zu seinen Eltern. Die ihm in Berlin ausgehändigten Papiere waren jedoch nur für das Reichsgebiet gültig. Da er somit keinen offiziellen Grenzübergang nutzen konnte, überwand er nachts an einer in einem Wäldchen gelegenen, dunklen und nicht einsehbaren Stelle die Grenze – „bis dahin wusste ich nicht, wie mutig ich sein kann.“ Von einem grenznahen Haus aus konnte er noch in der Nacht seine Eltern anrufen, die sich daraufhin sofort ins Auto setzten, um ihren Sohn abzuholen, mit dem sie monatelang keinen Kontakt gehabt hatten …

Mein Vater resümiert in seinen Erinnerungen: „Hinterher, wenn man alles überlebt hat, bin ich sehr froh, dass ich dem Einberufungsbefehl gefolgt bin. Ich habe dadurch sehr viel Wertvolles für das Leben gelernt und spüre des Öfteren, dass ich in manchen Dingen – Gott sei Dank – anders denke als viele Menschen heute. Ich wünsche es niemandem, meine Erfahrung gemacht zu haben: Wer nie richtig gehungert hat, wird nie die richtige Einstellung zum Leben finden.“

Die Schweiz verlängerte die Aufenthaltsgenehmigung meines Vaters nach dem Krieg nicht, sodass er innerhalb weniger Monate das Land verlassen musste. Wohl im Zusammenhang mit den Diffamierungen, denen seine Eltern durch die Behörden ausgesetzt waren, verhängte die Schweiz in den späten 1940er-Jahren sogar ein Einreiseverbot über ihn, das erst Jahrzehnte später aufgehoben wurde. 

In dieser Situation erinnerte sich mein Vater an einen seiner besten Freunde aus der Davoser Schulzeit, der in Freiburg/Br. Medizin studierte. Dieser war bereit ihn bei sich aufzunehmen. So verließ mein Vater im Frühjahr 1946 die Schweiz, um in Freiburg zu studieren – was, war zunächst völlig offen. Aus den damals angebotenen Fächern Theologie, Jura, Medizin, Philosophie, Naturwissenschaften und Mathematik wählte er Jura – sein Wunschfach Architektur gab es nicht. Er schrieb sich am 2. Mai 1946 an der Juristischen Fakultät ein und schloss das Studium mit der „Ersten juristischen Staatsprüfung“ am 20. Januar 1950 ab. Von 1. April 1950 bis 26. November 1952 leistete mein Vater den „Juristischen Vorbereitungsdienst des Landes Baden(-Württemberg)“. Die erste Station „Kleines Amtsgericht“ absolvierte er 1950/51 als Referendar am Amtsgericht Schönau im Schwarzwald (Abb. 21) bei dem Richter Dr. Hubert Rösch (Abb. 22), der mit einer Schulfreundin meiner Mutter verheiratet war. Aus dem Ausbildungsverhältnis wurde bald eine herzliche Freundschaft. Von Dr. Rösch erzählte mein Vater stets voller Sympathie und Hochachtung, vor allem weil dieser Richter die Gabe hatte, juristische Streitfälle im ländlichen Raum „bauernschlau“ zu entscheiden. Offenbar bildete er seine Referendare auch anhand historischer Fälle aus. Jedenfalls befindet sich im Nachlass meines Vaters der Brief des Ansbacher Knopfmachers und Goldstickers Simon Scheuermann vom 10. Juni 1856 an den Münchener Konkurrenten Max Friedl, in dem es um eine kuriose Streitsache mit der Knopfmacher-Innung München geht [Download].

Während des Schönauer Referendariats (Abb. 23) machte mein Vater die positivsten Erfahrungen als Jurist. Ansonsten hatte er ein distanziertes Verhältnis zur Juristerei – die Wahl des Studienfachs erfolgte ja nicht aus Überzeugung oder Neigung. So übte er zeitlebens einen im Grunde „ungeliebten Beruf“ aus – allerdings mit höchstmöglichem Engagement.

Der Davoser Schulfreund, bei dem mein Vater im Frühjahr 1946 unterkam, war Mittelpunkt einer Gruppe junger Reiter, die sich in der „Badischen Reit- und Fahrschule Rosenstihl“ in Freiburg-Littenweiler traf (Abb. 24). Als Freund wurde mein Vater in diesem Kreis akzeptiert, obwohl er nicht reiten konnte. Hier lernte er seine spätere Frau kennen: „eine kleine, schlanke, bildhübsche Blondine und blendende Reiterin, angeblich die Beste im Breisgau“ (Abb. 25). Um die „Hübnerin“, wie sie von der Gruppe genannt wurde, zu beeindrucken, beschloss mein Vater reiten zu lernen. Ihm wurde der etwas launenhafte Schimmel „Lanze“ zugewiesen, der manchmal beim leichten Galopp unvermittelt auf der linken Vorderhand wie angewurzelt stehen blieb – kaum einem Reiter gelang es, sich dabei im Sattel zu halten. Als mein Vater in Gegenwart seiner Reiter-Freunde und der „Hübnerin“ im hohen Bogen in den Sand flog, sagte ihm sein Freund, dass nur sie ihn nicht ausgelacht hätte – es gäbe ja nichts zu lachen, denn schließlich sei jeder schon einmal vom Pferd gefallen. Welchen Reim sich mein Vater darauf machen sollte, ließ sein Freund offen …

Gertrud Hübner arbeitete in dieser Zeit als Restauratorin und Konservatorin am Freiburger Augustinermuseum als Assistentin ihres Vaters Paul Hermann Hübner (Abb. 26) und Kollegin ihres Bruders Paul Hübner jun. (Abb. 27). Als das Verhältnis meiner Eltern enger wurde, durfte mein Vater in den Vorlesungspausen das Atelier seines künftigen Schwiegervaters besuchen, wo seine spätere Frau vor allem an der Restaurierung und Konservierung des Hochaltars des Überlinger Münsters arbeitete (Abb. 28). Mein Großvater war von einer dauerhaften Verbindung seiner beruflich hoch begabten Tochter mit „einem dahergelaufenen Juristen, der noch nichts war und noch nichts hatte“, wie mein Vater es in seinen Erinnerungen ausdrückte, alles andere als begeistert. Unterstützt von meiner Großmutter (Abb. 29), die schützend und fördernd die Hand über die Liebe ihrer Tochter hielt, kam sie schließlich doch zustande. Voraussetzung für die Hochzeit war die Zustimmung der katholischen Kirche. Denn nach deren Rechtsauffassung durfte meine Mutter als Katholikin keinen „Heiden“ heiraten – mein Vater war ja nicht getauft. Eine Verbindung ohne das Ehesakrament war jedoch für die Familie meiner Mutter undenkbar. Nach einem langwierigen, komplizierten Verfahren, in dessen Verlauf mein Vater von einem katholischen Moraltheologen examiniert wurde, erteilte schließlich der allein dazu befugte Papst Pius XII. meiner Mutter die Erlaubnis zur kirchlichen Eheschließung.

Bereits vor der Hochzeit, die am 18. April 1953 (Abb. 30) in Freiburg/Br. gefeiert wurde, hatte mein Vater eine Stelle bei Siemens & Halske am Wittelsbacherplatz in München (Abb. 31) angetreten: Seit 1952 war er als Jurist in der Abteilung Vertrags- und Lizenzwesen tätig. Trotz seines angespannten Verhältnisses zur Juristerei engagierte sich mein Vater beruflich sehr stark und machte als Wirtschaftsjurist Karriere: Von 1955 bis 1968 war er Assistent des Vorstandsvorsitzenden von Siemens & Halske, Dr. Hans Kerschbaum. 1963 erhielt er die Prokura. Von 1969 bis 1972 leitete er die Vertragsabteilung 1 der Siemens AG, seit 1970 als Direktor und Chefberater. Von 1972 bis 1977 war er Chef des Vertragsbereichs des Siemens-Konzerns. 1977 lehnte er das Angebot ab, als Vorstand in der Unternehmensleitung tätig zu werden. Stattdessen schuf das Unternehmen für ihn die Stabsstelle „Wirtschaftspolitische Sonderaufgaben“, die er bis zu seiner Pensionierung am 30. September 1989 innehatte. In dieser Funktion beriet er u. a. die Bundesregierung und internationale Organisationen wie die Vereinten Nationen und die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG, heute: Europäische Union) und vertrat das Unternehmen bei Wirtschaftsverbänden wie dem Bundesverband der Deutschen Industrie und dem Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (heute: Verband der Elektro- und Digitalindustrie).

Mein Vater war ein anspruchsvoller und nicht immer einfacher Chef. Jahrzehntelang stand ihm im Vorzimmer eine außergewöhnliche Frau zur Seite: seine (Chef-)Sekretärin Babette Bauer. Sie war nicht nur eine Meisterin im Schreibmaschineschreiben – in dieser Disziplin gewann sie mehrere Wettbewerbe –, sondern auch in der Organisation des Büros und ihres Chefs. Obwohl dieser im Alltag kaum Gelegenheit fand ihre Leistungen zu würdigen, wusste er genau, was er an ihr hatte. Unter anderem deshalb führte er Frau Bauer auch nach ihrer Pensionierung alljährlich an ihrem Geburtstag in ein vornehmes Münchener Lokal ihrer Wahl aus, weil er wusste, dass sie ein wenig Luxus liebte und gutes Essen schätzte. Einmal durfte ich als Jugendlicher bei einem solchen Essen dabei sein und hatte so Gelegenheit, das respektvoll vertraute Miteinander von „Chef und Sekretärin“ zu erleben.

Mit den Aufgaben meines Vaters waren zahlreiche Reisen verbunden, sowohl innerhalb Deutschlands und Europas als auch nach Nord- und Südamerika (1961, 1970, 1976, 1978), (Südost-)Asien (1963, 1972, 1975, 1979), Afrika (1975), auf den Indischen Subkontinent (1967/68, 1976, 1979) und in die Südsee (1970). Von längeren Reisen brachte er manchmal schöne Dinge mit (Abb. 32) und natürlich Fotos.

Zwei Reisen sind meinem Vater besonders im Gedächtnis geblieben – die in die USA im Jahr 1961 und die nach Pakistan von Dezember 1967 bis Januar 1968: 1961 schickte ihn Siemens & Halske für ein halbes Jahr in die USA, damit er internationale Geschäfte und das Land kennenlerne und sein Englisch verbessere. Von Mai bis September und im November hielt er sich in New York auf, dazwischen konnte er auf Firmenkosten eine Rundreise durch das Land machen, die ihn u. a. nach Washington D.C., zum Grand Canyon und in den Yellowstone Nationalpark führte. Regelmäßig schrieb er mir Ansichtskarten, davon allein 18 aus New York, die heute auch historische Zeugnisse sind. (Abb. 33-34)

Von Dezember 1967 bis Januar 1968 hielt sich mein Vater in Pakistan auf. In dem Brief vom 15.1.2014 an eine seiner Großnichten berichtet er über den für ihn beeindruckendsten Teil der Reise: Im Industriegebiet der neu gegründeten pakistanischen Hauptstadt Islamabad sollte eine Fabrik für Weitverkehrstechnik und elektronische Bauelemente entstehen, an der Siemens interessiert war. „So kam eines Tages eine Einladung für erste Vertragsverhandlungen: Besprechungstermin 24.12.1967, 9 Uhr im Industrieministerium in Islamabad. So kam es, dass ich mit Frau und Kind das Weihnachtsfest 1967 am 21.12. gefeiert habe. Als wir am 24.12. pünktlich in Islamabad zu den Vertragsverhandlungen erschienen, eröffnete uns der Industrieminister in größter Freundlichkeit: Natürlich wüsste man, dass wir Christen am 24.12. einen hohen Feiertag feierten. Selbstverständlich dächten sie nicht daran, an einem solchen Feiertag Vertragsverhandlungen zu führen. Sie wollten nur wissen, ob Siemens ernstlich an dem Projekt interessiert sei, was wir durch unser pünktliches Erscheinen ja bewiesen hätten. Geplant sei, die Verhandlungen am 7.1.1968 aufzunehmen. So standen wir also am Heiligabend um 9.30 Uhr in Islamabad auf der Straße mit der Frage: Was tun? Chef von Siemens-Pakistan war seinerzeit Hermann Schanzmann [1927-2019], den ich noch aus München gut kannte. Er schlug vor: Er sei seit 10 Jahren in Pakistan und noch nie sei es ihm gelungen, den Flug von Rāwalpindi nach Gilgit zu machen; da herrlichstes Wetter sei, sollten wir in Rāwalpindi fragen, ob heute der Flug stattfände. Das war der Fall. Er findet nur bei besten Wetterverhältnissen statt, da es am Boden keine technischen Einrichtungen gibt, die Piloten also nur nach Sicht fliegen konnten. […] Der Flug geht über Kaschmir, ein Gebiet, das zwischen Pakistan und Indien politisch sehr umstritten ist. Deshalb fliegen Soldaten nach Gilgit mit, deren Aufgabe es ist, die Fluggäste vom Fotografieren abzuhalten. Aber als Service des Flughafens Rāwalpindi bekommt man dort mitgeteilt, in welcher Höhe die Soldaten Trinkgeld erwarten, damit sie ihre Aufgabe nicht erfüllen. So habe ich auf dem Flug herrliche Bilder gemacht, vor allem vom Nanga Parbat, dem ‚Berg der Deutschen‘“. (Abb. 35-36)

Je weiter die berufliche Karriere fortschritt, desto mehr ging die „exzessive Erfüllung der beruflichen Pflichten“, wie mein Vater es rückblickend ausdrückte, zu Lasten der Familie – was ihm schmerzlich bewusst war. Seit etwa Mitte der 1960er Jahre brachte er regelmäßig Arbeit mit nach Hause, die er meist in den frühen Morgenstunden erledigte. So brannte oft schon um 2 oder 3 Uhr Licht im Arbeitszimmer der Wohnung Gotthardstraße 81 in München-Laim. Diese 110 qm große Neubauwohnung mit Loggia und Panoramablick bis zu den Alpen hatte die Familie Ende 1961 bezogen (Abb. 37). Sie war eine deutliche Verbesserung gegenüber der ersten gemeinsamen Wohnung in der Horemansstraße 24 in München-Neuhausen mit ihren 70 qm, die meine Eltern seit dem 29.11.1953 bewohnt hatten (Abb. 38).

Zum Vergrößern der Bilder auf die Galerie oder das entsprechende Bild klicken.

Dank seines handwerklichen Geschicks hatte mein Vater an der Gestaltung meines Kinderzimmers in der Gotthardstraße entscheidenden Anteil: 1963 entwarf und baute er aus Holz ein 4 x 1,3 m großes Möbel: Im geschlossenen Zustand konnte ich (mit Freunden) auf den Matratzen fläzen; klappte ich den Deckel auf und die Vorderseite herunter, kam eine große H0-Eisenbahn zum Vorschein. Nach einigen Handgriffen war sie betriebsbereit (Abb. 6). Auch an der Planung und Realisierung der Gleisanlagen und der Landschaft war mein Vater wesentlich beteiligt.

Die berufliche Belastung hinterließ gesundheitliche Spuren bei meinem Vater. In den späten 1960er Jahren war er so überarbeitet, dass ihn Siemens zu einer Kneippkur nach Bad Grönenbach (Allgäu) schickte. Sie war offenbar erfolgreich, jedenfalls wurde mein Vater zu einem Anhänger der Wasserkur. Nach der Rückkehr hat ihn sein Arzt dringendst zur Änderung des Lebensstils aufgefordert und zu einer regelmäßigen sportlichen Betätigung geraten – am besten Schwimmen. 

Diese ärztliche Ermahnung fiel in die Zeit, als meine Eltern sich mit dem Gedanken trugen Wohneigentum zu erwerben. Folgerichtig grenzten sie die Suche auf Objekte mit Schwimmbad ein. In München waren solche wegen der im Vorfeld der Olympischen Spiele 1972 rapide steigenden Preise nicht finanzierbar. Schließlich fiel die Wahl auf eine im Bau befindliche Eigentumswohnanlage mit sechs Einheiten und Hallenschwimmbad in Feldafing am Starnberger See, das bis zur Olympiade 1972 an das Münchener S-Bahnnetz angeschlossen werden sollte. Meine Eltern erwarben zwei Einheiten – eine Fünfzimmerwohnung für sich und mich (Abb. 39) und eine Zweizimmerwohnung für die Eltern meines Vaters, um ihnen einen Lebensabend im Altenheim zu ersparen (Abb. 40).

Der Umzug von München nach Feldafing war ein „Abenteuer“ für die ganze Familie: Die Bezugsfertigkeit des Hauses Koempelstraße 13 war für Juli 1970 vereinbart. Wegen Handwerkermangels und Lieferproblemen während des vorolympischen Baubooms verzögerte sich die Fertigstellung jedoch erheblich. Weil meine Eltern die Mietwohnung in der Gotthardstraße 81 zu Ende Juli gekündigt hatten, mussten wir von Anfang August bis Ende September bei meinen Großeltern „unterschlupfen“; der gesamte Hausstand war eingelagert worden. Zwar war deren Dreizimmerwohnung in der Schwabinger Aachener Straße 9 (Abb. 41) geräumig, aber für fünf Menschen mit Eigen- und Gepflogenheiten doch beengt. Als der Mietvertrag meiner Großeltern Ende September nicht mehr zu verlängern war, zogen die Familien Georg und Heinz Hirthe nach Feldafing – ins „Hotel Kaiserin Elisabeth“ (Abb. 42), wo wir bis zum Einzug in das noch keineswegs fertige Haus Koempelstraße 13 am 26.11.1970 lebten (Abb. 43). 

Die Entscheidung für die Koempelstraße stellte sich für meinen Vater – wie auch aus anderen Gründen für meine Mutter – gleichermaßen als Segen und Fluch heraus: Als Segen wegen der schönen Wohnung, des für meinen Vater so wichtigen Hallenschwimmbads (Abb. 44), der Nähe zu seinen Eltern, der Möglichkeit zu Spaziergängen und ausgedehnten Wanderungen oder zum Schwimmen im Starnberger See. Als Fluch, weil das Haus schwere Baumängel hatte, die beim Wohnungskauf nicht erkennbar waren. Zu deren Behebung war es unter anderem erforderlich, alle Fliesenböden herauszureißen, die „vergessene“ Trittschallisolierung nachzurüsten und die Böden wieder herzustellen. Als Jurist erklärte sich mein Vater bereit, neben den eigenen Forderungen gegenüber dem mit allen Wassern gewaschenen Bauherrn auch die der anderen Eigentümer einzuklagen – die Folge waren jahrelange juristische Auseinandersetzungen und Prozesse. Der hierfür nötige zeitliche und nervliche Einsatz kam zu dem ungebrochen starken beruflichen Engagement hinzu. So brannte auch in Feldafing sehr oft frühmorgens das Licht im Zimmer meines Vaters.

Wann immer er konnte, verbrachte mein Vater Zeit mit seiner Familie, aber auch seinen Eltern. Vor allem in den 1970er Jahren fanden zum Beispiel regelmäßig Rommé- und Canasta-Nachmittage zu fünft statt, bei denen wir um Geld spielten, das in eine Gemeinschaftskasse floss (Abb. 45); wenn genug Geld erspielt war, gingen wir zusammen essen.

Entspannung und Erholung fand mein Vater auch bei Tages- und Wochenendausflügen mit seiner Familie. Sie führten in romantische Kleinstädte, zu berühmten Kirchen und Schlössern in Bayern und Baden-Württemberg oder in die Natur der bayerischen (Vor-)Alpen (Abb. 46-48).

Von den gemeinsamen Familien-Sommerurlauben ist mir der auf der Nordseeinsel Baltrum 1965 unvergesslich. Denn hier legten mein Vater und ich eine große Sandburg mit Kugelbahn an, die am Strand eine gewisse Bekanntheit erlangte (Abb. 49).

Mit der Pensionierung meines Vaters am 30. September 1989 begann der lang ersehnte dritte Lebensabschnitt. Meine Eltern waren sich einig, dass sie diesen nicht in Feldafing verbringen wollten. Die Wahl fiel schließlich auf Überlingen am Bodensee. Mit dem Umzug in das großzügige, architektonisch interessante Einfamilienhaus mit großem Garten an der Mozartstraße (Abb. 50) am 20.11.1989 distanzierte sich mein Vater räumlich von seiner beruflichen Wirkungsstätte, gleichzeitig näherte er sich wieder der Schweiz an, mit der ihn viel verband – trotz des Unrechts, das ihm und seinen Eltern durch die Behörden dieses Landes in der Nachkriegszeit widerfahren war. Zudem lebten meine Eltern fortan in der Stadt, in deren Münster der Hochaltar stand, der bei ihrem Kennenlernen 1946 in Freiburg/Br. eine große Rolle gespielt hatte (Abb. 51).

In der Mozartstraße 15 kümmerte sich mein Vater bis ins hohe Alter um die Haustechnik und „das Grobe“, wie etwa – auf einer hohen Leiter stehend – um die Reinigung der Dachrinnen. Seine besondere Fürsorge aber galt dem Garten (Abb. 52). Anfangs musste er völlig verwilderte Himbeer- und Brombeerhecken roden. Hierin unerfahren, tat er dies zunächst kurzärmelig und in Shorts – und zahlte Lehrgeld in Form von zahllosen blutigen Kratzern an Armen und Beinen. Um den Hanggarten zu beleben, legte er zwei stufenförmig angeordnete Teiche an und bepflanzte sie auf Wunsch meiner Mutter mit Seerosen. Solange die Pflanzen die Wasseroberflächen nicht ganz bedeckten, kamen öfters Reiher und Enten zu Besuch. Die Gartenpflege war eine der sportlichen Betätigungen meines Vaters; darüber hinaus unternahm er viele Jahre lang ausgedehnte Wanderungen oder schwamm (auch weite Strecken) im Bodensee. Mit meiner Mutter machte er Spaziergänge und mit dem Auto Ausflüge in die nähere und weitere Umgebung. Bei Kälte und schlechtem Wetter widmete er sich gern der Lektüre, vor allem von Sachbüchern zu geschichtlichen, politischen und gesellschaftlichen Themen.

Seit Mitte der 1990er Jahre verschlechterte sich der Gesundheitszustand meiner Mutter allmählich, so dass sich mein Vater mehr und mehr ihrer Betreuung widmete. Im letzten Jahr vor ihrem Tod am 11. Juni 2000 übernahm er mit Unterstützung der Sozialstation Überlingen e. V. aufopferungsvoll die Pflege.

Als Witwer beschäftigte sich mein Vater zunehmend mit „letzten Dingen“, vor allem mit der Selbsteinschätzung des Menschen als „Krone der Schöpfung“ im Spannungsfeld von Christentum, Judentum und Islam auf der einen und der aktuellen Kosmologie auf der anderen Seite. Hierfür konsultierte er sowohl theologische als auch naturwissenschaftliche Fachliteratur. Anlässlich seines 90. Geburtstages am 29. Juli 2015 überreichte er einem kleinen Kreis ihm nahestehender Menschen das Ergebnis dieser Beschäftigung – die „Quinta essentia vitae oder Vom Sinn und Unsinn (m)eines Menschenlebens“. Sie endet mit den Sätzen: „Da wir bisher für Erde und Mensch keine Rolle im Universum haben erkennen können, nicht einmal eine überzeugende Erklärung für ihre Existenz, müssen wir sie endlich finden, wenn es sie gibt. Finden wir sie nicht, wovon ich überzeugt bin, haben wir uns mit dem Gedanken anzufreunden: Erde und Mensch sind [...] nichts anderes als eine Laune der Natur in einem unfassbar grossen Universum, dessen Sinn und Zweck zu erkennen wir ausserstande sind. So haben wir allen Grund, sehr bescheiden zu sein.“ [Download]

Obwohl nach dem Tod seiner Frau das Haus, das nun je zur Hälfte ihm und mir gehörte, viel zu groß war, blieb mein Vater in der Mozartstraße wohnen. Als sich im Lauf des Jahres 2006 meine berufliche Situation in Hannover grundlegend zu verändern drohte und ich vor der Entscheidung stand, die ministeriell geplanten Änderungen zu meinen Ungunsten mitzutragen oder nicht, entschloss ich mich in Absprache mit meinem Vater zu einem beruflichen Neustart als Einzelunternehmer in Überlingen.

Der risikobehaftete berufliche Neubeginn am 6. Oktober 2006 wäre ohne die finanzielle Großzügigkeit meines Vaters nicht möglich gewesen – er verzichtete z. B. auf meine Beteiligung an den nicht unerheblichen Betriebs- und Unterhaltskosten des Hauses. Er war sich bewusst, dass meine Anwesenheit im Haus ihm Sicherheit in (gesundheitlichen) Notfällen gab. Von Anfang an waren wir uns einig, dass jeder seine bisherige Eigenständigkeit behalten möchte, wir also „parallele Leben“ führen wollen – mein Vater im Haupt- und Dachgeschoss, ich im Erd- und Kellergeschoss. 

Bis März 2020 versorgte sich mein Vater mit Unterstützung einer Haushaltshilfe und der Sozialstation Überlingen e.V. weitestgehend selbst. Dies war auch möglich, weil er trotz einer altersbedingten Krebserkrankung eine gute gesundheitliche Konstitution hatte. Nach einem Schwächeanfall Anfang März 2020 musste er ins Krankenhaus und sich einer Operation unterziehen. Anschließend war er so schwach, dass er nicht mehr in das für einen pflegebedürftigen Menschen ungeeignete Haus Mozartstraße 15 zurückkehren, sondern in einem Pflegeheim untergebracht werden wollte. 

Dank des Engagements und der Beziehungen eines Mitarbeiters der Sozialstation Überlingen gelang es, kurzfristig einen Platz in einem Pflegeheim in Stockach zu finden (Abb. 53). Mein Vater bezog sein Zimmer im Heim am 23.3.2020 – einen Tag vor dem vollständigen „Lockdown“, der bundesweiten Maßnahme zur Eindämmung der Corona-Pandemie. Das monatelange vollständige, dann stark eingeschränkte Kontaktverbot machte für ihr die Situation im Pflegeheim noch deprimierender. Die erzwungene Einsamkeit trug dazu bei, dass er mehr und mehr den Lebenswillen verlor. 

Der Tod meines Vaters am 18. Juli 2020 im Stockacher Pflegeheim war für ihn, aber auch für mich eine Erlösung. An seinem 95. Geburtstag – dem 29. Juli 2020 – wurde er bei seiner Frau auf dem Überlinger Friedhof bestattet (Abb. 54).

(*) Die Biografie basiert neben eigenen Erinnerungen auf amtlichen und kirchlichen Dokumenten sowie hand- und maschineschriftlichen Aufzeichnungen von Heinz Hirthe (alle: Familienarchiv Thomas Hirthe, Überlingen).

Gertrud Hirthe, geb. Hübner (1922-2000)

Meine Mutter Gertrud Hirthe (*) wurde am 30. Juli 1922 als Tochter von Paul Hermann Hübner (12.3.1895 - 7.11.1981) und Katharina Hübner, geb. Müller (14.3.1886 - 24.8.1968) (Abb. 1) in der Erbpinzenstraße 17 zu Freiburg/Br. geboren. Ihre Zwillingsschwester Käthe verstarb bereits am Tag der Geburt. Sie hatte einen älteren Bruder, Paul jun. (20.4.1919 - 13.8.1991) (Abb. 2-3).

Nach der Volksschule besuchte Gertrud Hübner von 1933 bis 1938 in Freiburg/Br. die „Hindenburgschule“, ein Mädchenrealgymnasium mit Mädchenoberrealschule, und anschließend bis 1939 die Städtische Frauenarbeitsschule (Haushaltungsschule / Berufsfachschule).

1933 wurde sie Mitglied des „Bund deutscher Mädel“ (BDM) (Abb. 4) und 1936 der „Nationalsozialistischen Kulturgemeinde“. Der Eintritt in die beiden Organisationen scheint opportunistisch gewesen zu sein – die Mitgliedschaft hatte keinen Einfluss auf das zutiefst von Hingabe, Nächstenliebe und Menschlichkeit geprägte Wesen meiner Mutter. Auch in den Aufzeichnungen von Paul Hermann Hübner über die Kindheit und Jugend seiner Tochter gibt es keinen Hinweis auf ein besonderes Engagement in den beiden Organisationen. Bei seinem Sohn Paul vermerkt er hingegen: Seit 1933 Mitglied der Hitler-Jugend, nahm als Kameradschaftsführer 1935 am Nürnberger Reichsparteitag teil und offenbarte „für die NSDAP […] grenzenlose Hingabe und Begeisterung“.

Während der Schulzeit zeigten sich die musischen Begabungen meiner Mutter, vor allem ihr ausgezeichnetes künstlerisches Talent: Im Herbst 1934 nahm ihre Klasse VI B der „Hindenburgschule“ am Zeichenwettbewerb badischer Schülerinnen und Schüler zum Thema „Winterhilfswerk“ teil. Von allen Freiburger Schülerinnen und Schülern im Alter von 10 bis 16 Jahren war die Arbeit meiner Mutter die beste, weshalb sie vom Badischen Ministerium des Kultus und Unterrichts belobigt und in der Freiburger Zeitung vom 18.2.1935 namentlich genannt wurde [Download].

Mit zwei ihrer Klassenkameradinnen verband meine Mutter eine lebenslange Freundschaft: Hannelore Millioud, geb. Treupel (1923 - 2009) (Abb. 5), und Ursel Rösch, geb. ##### (*1923 - 2020) (Abb. 6).

1939 begann meine Mutter eine dreijährige Ausbildung zur Restauratorin und Konservatorin bei ihrem Vater im Atelier des Städtischen Augustinermuseums zu Freiburg/Br. als unbezahlte Volontärin. Den väterlichen Aufzeichnungen zufolge waren „ihre Begabung […] ausgezeichnet, ebenso ihre Fortschritte.“ Zusätzlich war sie im Wintersemester 1943 und Sommersemester 1944 als Gasthörerin an der Universität Freiburg eingeschrieben. Mit dem Beginn ihrer Ausbildung trat sie an die Stelle ihres Bruders, der von 1936 bis 1939 im Rahmen eines Ausbildungsvertrags den Restauratoren- und Konservatoren-Beruf erlernt hatte und im April 1939 als Soldat zum Kriegsdienst eingezogen worden war (Abb. 7). Nach Fronteinsätzen in Frankreich, Afrika und Italien und einer schweren Kriegsverletzung nahm er 1945 die Arbeit im Augustinermuseum wieder auf. Fortan arbeiteten die Geschwister gemeinsam als Assistenten des Vaters (Abb. 8).

Nach der dreijährigen Ausbildung war meine Mutter ab 1942 eigenständig in den Werkstätten des Augustinermuseums tätig und in den 1940er Jahren maßgeblich an den großen Restaurierungs- und Konservierungsprojekten meines Großvaters beteiligt. Hierzu zählen z. B. der Niederrotweiler Altar (Abb. 9-11) und der Hochaltar des Überlinger Münsters (Abb. 12). Kleinere Maßnahmen führte sie selbstständig aus, wie u. a. die Dokumentation zu einer Heiligenfigur belegt: „Hlg. Vitus […] Restauriert und konserviert Frühjahr 1942. Ausgeführt von Gertrud Hübner, Freiburg i. Br.“ (Abb. 13). Ihre Tätigkeit als vielversprechende Restauratorin und Konservatorin endete 1953, als sie meinen Vater heiratete.

In der zweiten Hälfte der 1930er Jahre begann meine Mutter an der „Badischen Reit- und Fahrschule Rosenstihl“ in Freiburg-Littenweiler zu reiten (Abb. 14). Sie machte innerhalb weniger Jahre mit ihrem Reitlehrer Sünkel (Abb. 15) so große Fortschritte, dass sie im August 1940 die Prüfung zum „Deutschen Reiter-Abzeichen Klasse III“ in den Disziplinen Dressur und Springreiten sowie in theoretischen und praktischen Kenntnissen mit der Gesamtnote 1 ablegte (Urkunde Nr. 47025).

Zum Vergrößern der Bilder auf die Galerie oder das entsprechende Bild klicken.

Voller Stolz ließen meine Großeltern eine Fotoserie mit ihrer Tochter auf deren Lieblingspferd, der Stute „Hella“, herstellen (Abb. 16-18).

Die Familie Hübner kam aufs Ganze gesehen ohne große Entbehrungen durch die kriegsbedingten Notjahre – auch weil meine Mutter (manchmal zusammen mit ihrer Mutter) bei den Verwandten in Heudorf im Hegau hamsterte.

Meine Eltern lernten sich 1946 in der Reitschule Rosenstihl kennen. Mein Vater hatte sein Jura-Studium an der Freiburger Universität begonnen und kam über einen ehemaligen Klassenkameraden, der Mittelpunkt einer Gruppe junger Reiter war, mit der Reitschule in Berührung. Die erste Begegnung mit seiner späteren Frau schildert mein Vater in seinen Erinnerungen so: „Als wir wieder einmal dort waren, hörte ich einen [der Reiter-Freunde] sagen: ‚Schaut dort, die Hübnerin.‘ Der Hinweis galt einer kleinen, schlanken, bildschönen Blondine, die im Reitdress quer über den Hof in Richtung Ställe ging. Von meinen Reiterfreunden erfuhr ich, dass diese ‚Hübnerin‘ eine blendende Reiterin sei, angeblich das Beste, was seinerzeit der Breisgau zu bieten hatte; von Beruf sei sie Restauratorin, was nichts mit Bier und Essen, sondern irgendwas mit Kunst zu tun habe; ihr Vater sei ein berühmter Mann und sie ein prima Kamerad ...“

Vom ersten „Augenblick“ bis zur Hochzeit meiner Eltern am 18. April 1953 (Abb. 19) sollten noch sieben Jahre vergehen, in denen meine Mutter am Freiburger Augustinermuseum arbeitete, mein Vater das Jura-Studium beendete und das Referendariat absolvierte. Mithilfe meiner Großmutter, die schützend und fördernd die Hand über die Liebe ihrer Tochter und ihres Zukünftigen hielt, konnte sie sich gegen ihren Vater durchsetzen: Er hatte „mehr mit seiner beruflich hoch begabten Tochter vor, als sie einem dahergelaufenen Juristen zur Frau zu geben, der noch nichts war und noch nichts hatte“, wie mein Vater es in seinen Erinnerungen ausdrückt. Bevor die Eltern meines Vaters nach Uruguay übersiedelten, machte er mit seiner Zukünftigen einen Antrittsbesuch bei ihnen und seinem Bruder Martin in Zürich (Abb. 20, 21). Die künftigen Schwiegereltern hatten keine Einwände gegen die Verbindung.

Das größte Hindernis für die Hochzeit bildete die katholische Kirche. Denn nach ihrer Rechtsauffassung durfte meine Mutter als Katholikin keinen „Heiden“ heiraten – mein Vater war nicht getauft. Und eine Verbindung ohne das Sakrament der Ehe war für die Familie Hübner undenkbar. Nach einem langwierigen, komplizierten Verfahren erteilte schließlich der allein dazu befugte Papst – damals Pius XII. – meiner Mutter die Erlaubnis zur kirchlichen Eheschließung.

Ende November 1953 begann das gemeinsame Leben von Heinz und Gertrud Hirthe. Meine Mutter übersiedelte nach München, wo mein Vater bereits seit 1952 als Angestellter von Siemens & Halske in der Abteilung für Vertrags- und Lizenzwesen arbeitete. Sie bezogen am 29.11.1953 die erste gemeinsame Wohnung in der Horemansstraße 24 im Münchener Stadtteil Neuhausen (Abb. 22).

Mit Beginn ihrer Ehe hörte meine Mutter auf, ihre musischen und reiterlichen Begabungen und ihre Fähigkeiten als Restauratorin und Konservatorin zu pflegen. Stattdessen widmete sie sich ausschließlich ihren Pflichten als Haus- und Ehefrau – seit meiner Geburt am 6. April 1954 dann auch als liebevolle Mutter.

Wie sie es von ihrer Mutter gelernt hatte, bestimmten Pflichtgefühl, Sachverstand, Sparsamkeit und Umsicht von Anfang an die Haushaltsführung meiner Mutter. Dies blieb auch so, als die berufliche Karriere meines Vaters bei Siemens Fahrt aufnahm und die finanziellen Spielräume im Lauf der Jahre deutlich größer wurden.

Ohne die Bereitschaft meiner Mutter, bescheiden und klaglos ihre Bedürfnisse hinter die Bedürfnisse anderer zu stellen, wäre die Laufbahn meines Vaters nicht möglich gewesen. In seinen Erinnerungen erkennt mein Vater, wie viel er seiner Frau aufgebürdet hat durch die „exzessive Erfüllung meiner beruflichen Pflichten“ und schreibt, „dass ich ihr im Grunde nahezu alles zu verdanken habe. […] Mit nie endendem Fleiß hat sie sich aller Dinge unserer kleinen Familie angenommen“ – auch der Kindererziehung, die „praktisch allein in ihren Händen lag.“ Dass diese Rolle für meine Mutter nicht einfach war, ist mehr als nachvollziehbar.

Die ersten Jahre waren finanziell alles andere als rosig. Viel Geld für die Einrichtung der ersten Münchener Wohnung gab es nicht – so war die Mitgift meiner Mutter, zu der auch Möbel für ein Wohn-Esszimmer gehörten, sehr wichtig. In der rund 70 qm großen Dreizimmerwohnung, die sich in einem nach dem Krieg vereinfacht wiederaufgebauten Mietshaus befand, verbrachte ich die ersten sieben Lebensjahre (Abb. 23, 24). Gut kann ich mich an eine Besonderheit erinnern – den Küchenboden, der ein ziemliches Gefälle in Richtung Fenstertür hatte: Ich liebte es, hier zwischen den Füßen meiner kochenden oder backenden oder abspülenden oder waschenden Mutter zu „schussern“, d. h. mit Glasmurmeln zu spielen. Sie hatte dann immer Sorge, auf einem Schusser auszurutschen, was aber gottlob nie passiert ist.

Ende 1961 zog die Familie nach München-Laim um. Die Vierzimmer-Neubauwohnung in der Gotthardstraße 81 lag im 4. Obergeschoss, war 110 qm groß und hatte eine Loggia mit Panoramablick bis zu den Alpen (Abb. 25). Ihr Zuschnitt war bestens für kleine Gesellschaften nicht nur mit der Familie geeignet (Abb. 26), sondern auch mit Gästen aus dem beruflichen Umfeld meines Vaters – eine Form der Gastfreundschaft, die mein Vater bei seinen Eltern in Zürich kennengelernt hatte. Doch solche Gesellschaften fanden kaum statt. Zum einen, weil mein Vater Berufliches und Privates streng trennen wollte, zum anderen, weil meine Mutter bei solchen Anlässen die Rolle als Gastgeberin nicht mochte: Sie glaubte, zu wenig weltläufig zu sein, und ihr war Small Talk zuwider. Aus diesen Gründen begleitete sie meinen Vater auch nur sehr selten zu gesellschaftlichen Anlässen. 

In der „Gotthardstraßenzeit“ traf meine Mutter eine einschneidende persönliche Entscheidung: Als katholisch erzogener, religiöser Mensch gehörte für sie der sonntägliche Gottesdienstbesuch mit der Familie zum festen Bestandteil des Lebens. Nachdem Papst Paul VI. 1968 in der Enzyklika „Humanae vitae“ das Verbot künstlicher Verhütungsmittel für alle Katholiken verfügt hatte, brach meine Mutter mit der Kirche. Denn für sie war dieses Verbot angesichts der zahllosen verhungernden Kinder und verzweifelten Mütter zutiefst unchristlich. Bis zu ihrem Tod hielt sie jedoch regelmäßig persönliche Zwiesprache mit Gott.

In den folgenden Jahren verbesserte sich die finanzielle Situation so weit, dass meine Eltern 1970 Wohnungseigentum erwerben wollten. In München war das wegen der im Vorfeld der Olympischen Spiele 1972 rapide steigenden Preise nicht möglich. Schließlich fiel die Wahl auf das am Starnberger See gelegene, an das Münchener S-Bahnnetz angeschlossene Feldafing. Hier war in der Koempelstraße eine kleine Eigentumswohnanlage mit sechs Einheiten im Entstehen, die preislich im Rahmen des Möglichen lagen (Abb. 27). Meine Eltern erwarben zwei Wohnungen – eine große für sich und mich (Abb. 28), eine kleine für die Eltern meines Vaters, um ihnen die Perspektive auf einen Lebensabend im Altenheim zu ersparen (Abb. 29).

Diese Entscheidung sollte sich für meine Mutter als Segen und Fluch herausstellen: Segen, weil das Haus umgeben war von viel Natur, weil die knapp 145 qm große Fünfzimmerwohnung größtenteils mit pflegeleichten Fliesenböden ausgestattet war und weil zur Wohnung eine große Terrasse und ein kleiner Garten (Abb. 30, 31) sowie ein Hobbyraum gehörten. Fluch, weil das Haus schwere Baumängel hatte, die beim Wohnungskauf nicht erkennbar waren, und weil sich die Eigentümergemeinschaft keinen professionellen Hausmeister leisten wollte. Zur Behebung der Baumängel war es unter anderem erforderlich, alle Fliesenböden im Haus herauszureißen, die vom Bauherrn „vergessene“ Trittschallisolierung nachzurüsten und die Böden wieder herzustellen – allein bei uns war rund die Hälfte der Wohnfläche von dieser Baumaßnahme betroffen. Da die Arbeiten im Spätherbst ausgeführt wurden, haben wir ein unvergessliches Weihnachtsfest auf schwimmendem Estrich gefeiert. Unterstützt von Fachhandwerkern betreute meine Mutter als „Hausmeisterin“ jahrelang unentgeltlich das Schwimmbad, die Heizung, die Vorgärten, die Müllentsorgung usw.

Weil in Freiburg/Br. nach dem Tod ihrer Mutter im Jahr 1968 und der schweren Erkrankung ihrer Schwägerin Ursula Hübner, geb. Müller-Ruby (1921 - 2005), die Lebensumstände für ihren Vater schwierig geworden waren, erklärte sich meine Mutter bereit, ihn jedes Jahr für rund sechs Monate bei sich aufzunehmen. So lebte mein Großvater in den Jahren 1971 bis 1978 von Frühjahr bis Herbst in Feldafing. Mein Vater und ich wussten, dass die Fürsorge für ihren damals bereits deutlich ritualisierte Verhaltensweisen zeigenden Vater vor allem töchterlicher Pflichterfüllung zu verdanken war.

Nach dem Tod von Georg Hirthe im Jahr 1977 setzte die Altersdemenz seiner Frau ein. Trotz des merklichen Fortschreitens der Krankheit lebte meine Großmutter noch mehrere Jahre in ihrer angestammten Wohnung. Dies war nur möglich, weil meine Mutter ständig ein Auge auf ihre Schwiegermutter hatte und sie im Alltag unterstützte. Erst als die Krankheitssymptome gefährlich wurden und der körperliche Verfall einsetzte, weigerte sich meine Mutter sie weiterhin zu betreuen. Glücklicherweise konnte mein Vater rasch ein gutes und nicht allzu weit von Feldafing gelegenes Pflegeheim in Seefeld am Pilsensee finden.

Trost fand meine Mutter vor allem in der stillen Zwiesprache mit Gott, Entspannung und Ablenkung von den vielen Aufgaben und Pflichten bei der Gartenpflege (Abb. 32) und der Handarbeit, der sie sich vor allem nachts widmete. So entstand im Lauf der Jahre unter anderem eine Reihe von Deckchen aus fein gehäkelter Spitze (Abb. 33). Diese Freizeitbeschäftigungen behielt sie auch in den folgenden Überlinger Jahren bei, so lange sie es körperlich konnte.

Die Übersiedlung von Feldafing am Starnberger See nach Überlingen am Bodensee erfolgte nach der Pensionierung meines Vaters im Herbst 1989. Der Umzug ermöglichte meinem Vater die räumliche Distanzierung von seiner beruflichen Wirkungsstätte, meiner Mutter das Leben in einer deutlich wärmeren Gegend – sie hatte den Schnee im knapp 700 m hoch gelegenen Feldafing satt (Abb. 34) – und in der Nähe der Familie ihrer Mutter in Heudorf im Hegau. Und beide lebten fortan in der Stadt, in deren Münster der Hochaltar stand, der bei ihrem Kennenlernen 1946 in Freiburg/Br. eine große Rolle gespielt hatte (Abb. 35). Mein Vater in seinen Erinnerungen: „Als ich das erste Mal die Arbeitsräume des Restaurators Hübner im ehemaligen Adelhauser Kloster besuchen durfte, war ich […] von der Fülle des Überlinger Schnitzwerkes beeindruckt, das den großen Refektoriums-Raum voll ausfüllte … [Ich konnte] mich, ohne zu stören, in eine Ecke setzen […], um der Tochter Hübner bei ihrer Arbeit zuzusehen.“

Das Anwesen Mozartstraße 15 war auch für meine Mutter ein Glücksfall (Abb. 36). Das von einem großen, teilweise naturnah belassenen Garten mit Wiese und alten Bäumen (Abb. 37, 38) umgebene, architektonisch anspruchsvolle Gebäude war in gutem Zustand, die Haustechnik funktionierte, und mit Hilfe einer fähigen Zugehfrau waren die knapp 300 qm Wohnfläche auf drei Stockwerken ohne Probleme zu pflegen. Vor allem vom obersten Geschoss aus, in dem das Zimmer meiner Mutter mit Ankleide, eigenem Bad und Balkon lag, öffnete sich der Blick auf den See bis zu den Alpen (Abb. 39). Der vordere Gartenteil bot meiner Mutter die Möglichkeit, ihre Liebe zu Rosen zu pflegen (Abb. 40).

Zum Wohlbefinden trugen wesentlich auch die sympathischen Nachbarn bei, mit denen meine Eltern ein „gutnachbarliches“ Zusammenleben pflegten. Und das Haus bot umstandslos Platz für Übernachtungsbesuch; im Lauf der Jahre nahm eine ganze Reihe von Verwandten und engen Freundinnen und Freunden die Gastfreundschaft in Anspruch.

Den wöchentlichen Höhepunkt des beschaulichen Lebens meiner Eltern bildete das sonntägliche Mittagessen in einem hoch über Überlingen gelegenen Hotel. Meine Mutter vor allem genoss hier das feine Essen und die prachtvolle Aussicht auf See und Berge.

Das letzte Lebensjahr meiner Mutter war bestimmt durch schwere Erkrankungen, die eine Reihe längerer Krankenhausaufenthalte nötig machten. Um sie möglichst oft zuhause versorgen und pflegen zu können, widmete mein Vater, unterstützt durch die Sozialstation Überlingen e.V., das im Erdgeschoss des Hauses gelegene „Gartenzimmer“ (Abb. 41) in ein Krankenzimmer um. Hier konnte meine Mutter vom Pflegebett aus auf ihre Rosen schauen. Den Erinnerungen meines Vaters zufolge wurde ihre Zwiesprache mit Gott in den letzten Lebenswochen immer bitterer. Denn alle Bitten um nur ein klein wenig bessere Gesundheit blieben unerhört. Der Wunsch meiner Mutter, ohne Letzte Ölung sterben zu wollen, zeigt, wie sehr sie am Ende ihres Lebens mit Gott haderte und wie radikal ihr Bruch mit der Katholischen Kirche war. 

Gertrud Hirthe schloss am 11. Juni 2000 im Alter von 78 Jahren für immer die Augen.

(*) Die Biografie basiert neben eigenen Erinnerungen auf amtlichen und kirchlichen Dokumenten sowie hand- und maschineschriftlichen Aufzeichnungen von Paul Hermann Hübner und Heinz Hirthe (alle: Familienarchiv Thomas Hirthe, Überlingen) sowie mündlichen Auskünften von Peter Rösch (Rielasingen).

Information icon

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.